Thema Gesundheit: Remember Movember

Mit dem November beginnt auch der «Movember» – die Zeit der Schnäuze, der Moustaches. Wie bitte? Ein Interview über männliche Gesundheit.

Michael Schranz ist Pädagogik- und Psychologie- sowie Sportlehrer am Gymnasium Kirchenfeld. Seit einigen Jahren nimmt er an der Aktion «Movember» teil. Herr Schranz erzählt, was der November mit Prostata- und Hodenkrebs zu tun hat und wie Schnauzer der mentalen Gesundheit von Männern helfen sollen. 

Octoplus: «Herr Schranz, was genau ist der Movember?»

Michael Schranz: «Der Movember ist eine Aktion mit Ursprung in Australien, bei der es um die Sensibilisierung für die Gesundheit von Männern geht. Besonders im Fokus liegen Vorsorgeuntersuchungen zu Prostata- und Hodenkrebs: Beides sind Krebsarten, die Männer stark betreffen. Der andere Aspekt ist die psychische Gesundheit. Dies, weil Männer die Tendenz haben, sich weniger und später Hilfe zu suchen, wenn sie Schwierigkeiten haben.
Die Idee ist, dass man sich zu Beginn des Novembers glattrasiert. Dann lässt man sich den November über einen Schnauzer wachsen, mit dem Ziel, darauf angesprochen zu werden und so ins Gespräch zu kommen.»

Michael Schranz mitten im «Movember». (Bild: zvg)

Octoplus: «Haben Sie selbst auf diese Weise vom Movember erfahren?»

Michael Schranz: «Tatsächlich weiss ich nicht mehr, wie ich vom Movember erfahren habe. Wahrscheinlich durch die sozialen Medien, wo er viel im Gespräch ist. In der Schweiz ist er nicht so ein Thema. Allerdings frage ich mich seither bei allen Männern mit Schnauzern, denen ich im November begegne, ob sie beim Movember mitmachen.
Jedes Mal vor dem November informiere ich meine Klassen darüber. Zum einen, dass die Schüler*innen sofort einordnen können, weshalb mein Bart weg ist, zum anderen, damit ich eine gewisse Verbindlichkeit habe, den Movember dann auch wirklich durchzuziehen. Die Reaktionen darauf sind meist sehr positiv. Immer wieder höre ich von jungen Herren, dass sie sich gesehen fühlen und froh sind, wenn jemand auf diese Themen aufmerksam macht. Falls es mal negative Reaktionen gibt, dann auf den Schnauzer, nicht auf den Movember.»

Octoplus: «Warum muss besonders auf die Gesundheit von Männern aufmerksam gemacht werden?»

Michael Schranz: «Das ist tatsächlich etwas ironisch, wenn man bedenkt, dass die Medizin überwiegend auf Männer ausgerichtet ist. Es geht auch gar nicht darum, Geschlechter gegeneinander auszuspielen. Vielmehr geht es darum, geschlechterspezifische Herausforderungen zu meistern. Gerade bei Männern ist die Gesundheit ein Defizit, das man angehen sollte.
Männer bemühen sich oft nicht um ihre eigene Gesundheit. Sie nehmen Vorsorgeuntersuchungen weniger in Anspruch, als Frauen es beispielsweise für Brustkrebs tun. Sie legen riskanteres Verhalten an den Tag und haben einen höheren Substanzkonsum. Zudem holen sie sich weniger und später Hilfe bei psychischen Problemen. Das sind alles problematische Verhaltensweisen, die vom Männlichkeitsbild der Gesellschaft stammen.»

Octoplus: «Inwiefern ist das Männlichkeitsbild problematisch?»

Michael Schranz: «Von Männern wird erwartet, dass sie keine Schwächen zeigen und Verantwortung übernehmen. Sie sollen stark und maskulin sein.
Zum Glück haben sich solche Geschlechterstereotypen in den letzten Jahren zum Positiven verändert. Durch die sozialen Medien hat das Thema Gesundheit, besonders mentale Gesundheit, an Wichtigkeit gewonnen. Wenn man den richtigen Influencer*innen folgt, findet man ein Netzwerk von Menschen mit ähnlichen Problemen. Es hilft, wenn man merkt, dass auch andere mit sozialen Ängsten oder Leistungsdruck zu kämpfen haben.»

Info:
Ein stereotypes Männerbild zeigt sich auch im aktuellen Fitnessboom: In den letzten Jahren strömen immer mehr Jugendliche in Fitnesscenter. Junge Männer würden vermehrt unter Druck stehen, trainiert und fit auszusehen, war in einem kürzlich erschienenen Artikel in der Tageszeitung «Der Bund» zu lesen. Viele eiferten Vorbildern in den sozialen Medien nach.

Octoplus: «Fällt Ihnen als Lehrer für Pädagogik und Psychologie etwas zur mentalen Gesundheit der Schüler auf?»

Michael Schranz: «In der Schule bekomme ich eher niederschwellige Sachen mit, dass Schüler auf der Suche nach positivem Feedback sind, dass sie Unterstützung wollen. Ich merke bei Schülern weniger als bei Schülerinnen, wenn es ihnen schlecht geht. Ich habe beispielsweise noch nie einen Schüler weinen sehen. Stattdessen äussern sich Probleme und Unsicherheiten, indem sie negativ auffallen. Anstatt Hilfe zu bekommen, werden sie deswegen diszipliniert.
Im Sportunterricht sehe ich als Sportlehrer eine Tendenz, dass Frauen sich beispielsweise im Geräteturnen mehr unterstützen. Männer motivieren sich auf eine etwas rauere Art und lachen sich manchmal gegenseitig aus. Das sehe ich oft als Zeichen der Unsicherheit: Dass sie selbst Mühe haben und froh sind, wenn es anderen ähnlich geht. Dort wünsche ich mir einen Wandel, dass man sich traut, zu sagen, dass man Angst oder Respekt vor einer Übung hat und sich Hilfe holt.»

Info:
Daten des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums aus dem Jahr 2022 zeigen, dass die psychische Belastung bei Frauen um Einiges grösser ist als bei Männern. Paradoxerweise ist die Suizidrate von Männern trotzdem mehr als doppelt so hoch wie bei Frauen. In einem Review-Artikel im BMC Public Health Journal wird die Theorie unterstützt, dass die höhere Suizidrate bei Männern in Zusammenhang steht mit dem geringeren Wahrnehmen von Hilfsangeboten.

Octoplus: «Wie können denn Leser*innen dieses Artikels helfen?»

Michael Schranz: «Es ist wichtig, sich als Einzelperson nicht ein zu hohes Ziel zu setzen. Es helfen auch schon kleine Dinge. Beispielsweise kann man mal bei einem Schulkameraden nachfragen, wie es ihm geht. Und zwar ernsthaft nachfragen, nicht oberflächlich. Wenn man zum Beispiel merkt, dass es eine Veränderung bei der schulischen Leistung gibt, oder dass sich jemand sozial zurückzieht.
Man kann auch helfen, indem man sich selbst Hilfe holt und Unsicherheiten eingesteht. Am besten so, dass es andere mitbekommen und man ihnen so den Raum bietet, dasselbe zu tun. Wichtig ist dabei, dass man anderen Personen das Gefühl gibt, dass sie und ihre Schwierigkeiten ernst genommen werden.»

Logo von Movember (Quelle: Wikipedia)

Octoplus: «Ist der Movember also auch ein Aufruf, über Probleme zu sprechen?»

Michael Schranz: «Dazu möchte ich zuerst noch ein Missverständnis ausräumen. Wenn ich davon rede, Schwächen und Unsicherheiten einzugestehen, geht es nicht darum, dass Männer zusehends schwach werden sollen. Im Gegenteil! Es geht eher darum, dass das Zugeben von Schwierigkeiten einen Lernprozess startet und man dadurch selbstsicherer wird. Hinzu kommt: Wenn es Männern gelingt, besseren Zugang zu ihren Emotionen zu bekommen, können sie bessere Partner – im weiten Sinne – sein.
Ich verstehe, wenn Frauen irritiert sind und das Gefühl haben, wir befassen uns jetzt nur mit Männergesundheit, wo doch die Frauen in der Gesellschaft vernachlässigt werden. Jedoch geht es in keinem Moment um Männer gegen Frauen. Es geht darum, dass Männer bei Dingen wie dem Bitten um Hilfe in der Tendenz mehr Schwierigkeiten haben als Frauen. Frauen haben andere Schwierigkeiten auf die – ganz unbedingt – auch aufmerksam gemacht werden muss. Aber es geht nicht um Entweder-oder, sondern darum, dass alle profitieren, wenn sich unsere Gesellschaft verändert.»

Octoplus: «Besten Dank, Herr Schranz, für das interessante Gespräch.»


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