… ein Kilogramm pro Jahr. Dies liegt wohl vor allem an der Verlagerung auf eine vorwiegend sitzende Tätigkeit dieser Berufsgattung. Bei mir betrug die Zunahme des Körpergewichtes gar 2 kg/Jahr. Weshalb, weiss ich zwar nicht genau, aber meine frühere Tätigkeit als Musiklehrer dürfte eine Rolle gespielt haben.
In diesem Lorenzettel schreibe ich über meine Beobachtungen, Gedanken und Massnahmen, um als Rektor gesund zu bleiben – und die oben erwähnten 2kg/Jahr wieder loszuwerden. Die geneigte Leserschaft lade ich ein, für sich selber allfällige Rosinen herauszupicken.
Als ich vor rund 20 Jahren mit einem Kleinstauftrag in die Schulleitung des Gymnasiums Interlaken eintrat, war ich zur Hauptsache Musiklehrer an zwei Schulen und hatte mir einige Routinen angeeignet, die ich bis heute pflege und von denen ich annehme, dass sie dazu beitragen, dass ich im Beruf noch immer zufrieden und gesund sein darf. Als ich «meinem» damaligen Rektor zusehen musste, wie er in ein Burn-out rutschte, habe ich mich gefragt, weshalb nicht nur bei Lehrpersonen, sondern auch bei Rektor*innen überproportional oft eine solche Entwicklung zu beobachten ist. Eine fundierte Antwort habe ich zwar nicht gefunden, und es sind gewiss verschiedene Aspekte, welche in meinem Fall dazu geführt haben, dass ich noch immer gesund und fröhlich sein darf – und es auch bin. Die folgenden kleinen Routinen lassen sich einfach in den Alltag einbauen und entfalten bei ausreichender Konsequenz und Überzeugung eine beträchtliche Wirkung.
Fokussieren
Multitasking bei Menschen funktioniert nicht. Als Musiker kann ich mir und als Musiklehrer anderen beim Scheitern zuschauen, wenn sie es dennoch versuchen, beispielsweise beim Schlagzeugspielen. Zwei Dinge gleichzeitig zu tun, geht nur, wenn eines davon automatisiert ist (beispielsweise sprechen und Fahrrad fahren – das Fahrradfahren ist ab einem gewissen Alter automatisiert). Die Tätigkeit des Denkens kann nicht automatisiert sein, also kann man als Mensch nur eine Sache aufs Mal denken. Wenn man Dinge denken will, muss man sich fokussieren und damit man fokussieren kann, muss man sich abgrenzen und äusserlich wie innerlich «Denkräume» schaffen.
Die Tätigkeit des Denkens kann nicht automatisiert sein, also kann man als Mensch nur eine Sache aufs Mal denken.
Abgrenzen
Abgrenzen muss man sich auch vor der Flut der Arbeiten und Aufgaben. Zum einen musste ich es aushalten lernen, am Ende des Arbeitstags nicht alles erledigt zu haben oder nicht alles maximal gut erledigt zu haben. Während ich als Volksschüler lernen musste, sorgfältiger zu arbeiten, musste ich später lernen, wie ich die Grenze von «gut genug» verschieben kann und wie ich die «gut genug»-Grenze möglichst effizient erreiche.
Die Pendenzen schreibe ich auf und lasse sie im Büro. Ich will sie nicht nach Hause nehmen, dort hat es ja schliesslich auch Pendenzen. Und diese will ich nicht im Büro. Und in den Ferien nehme ich weder die einen noch die anderen Pendenzen mit. Abgrenzen halt.
Und abgrenzen tu ich mich auch, wenn ich krank bin, egal ob grippaler Infekt oder Nierensteine. Ich deklariere Teile des Hauses zur Krankenstation und verlasse diese nur zu Therapiezwecken oder für Arztbesuche. Es ist für alle besser so.
Bewegung an der frischen Luft im Alltag integrieren
Die temporäre Schliessung der Fitnesscenter während der Corona-Pandemie hat mich zu einer Veränderung meiner Lebensgewohnheiten gezwungen. So fand ich neue Möglichkeiten, Bewegung in meinen Alltag zu integrieren, indem ich meinen Arbeitsweg seither, wenn immer möglich, mit dem Velomobil oder dem E-Bike zurücklege. Meine Bürogspändli erkennen morgens sogar am Telefon, ob ich den Weg zur Schule mit dem Auto oder einem Strampelgefährt zurückgelegt habe. Meine Laune sei hörbar am besten, wenn ich das Velomobil benutze.
Meine Bürogspändli erkennen morgens sogar am Telefon, ob ich den Weg zur Schule mit dem Auto oder einem Strampelgefährt zurückgelegt habe.
Mehr desselben ist nicht immer besser
Als ich die Leitung des Gymnasiums Interlaken interimistisch übernommen habe, wollte ich ausprobieren, wie belastbar ich mit 45 Jahren noch bin. Der Vorgänger hatte krankheitsbedingt stapelweise Pendenzen hinterlassen, die es abzuarbeiten galt. Ich weiss nun, wie es sich anfühlt, nach 15 Stunden im Rektorat nochmals ein Mäppli zur Bearbeitung hervorzunehmen und erst nach 16 Stunden das Büro zu verlassen. Es fühlt sich irgendwie teigig an. Effizienz und Effektivität nehmen exponentiell ab, spätestens nach vier Stunden braucht es eine Pause, anschliessend einen anderen Fokus. Und über die Nacht etwas Schlaf, bevor man die gleiche Arbeit wieder aufnehmen kann.
Während dieser Zeit kam alle zwei Wochen ein Lehrerkollege (er war Physiker und unterrichtet vor allem Mathematik) ins Rektorat und entführte mich für eine Stunde in den Bandraum im UG, wo er mir Leadsheets von Jazz-Standards vorlegte und ich ihn, den Tenorsaxophonisten, auf dem Klavier zu begleiten hatte. Er war der Überzeugung, dass mir das gut täte und wollte mich auf diese Weise in meiner Arbeit unterstützen und vor dem Ausbrennen bewahren. Er lag ganz und gar richtig.
Musik macht glücklich und hält gesund
Seltsamerweise macht mich Musik machen, als Chorleiter, als Instrumentalist, als Musiklehrer, kaum müde. Jedenfalls merke ich es während der Tätigkeit nicht und könnte noch lange danach Bäume werfen oder Klaviere tragen.
Zahlreiche neurowissenschaftliche Untersuchungen bieten Erklärungsansätze, weshalb, und darauf basierend raten Arbeitspsycholog*innen dazu, den Berufsalltag mit musikalischen Aktivitäten aufzulockern (quasi Rosinen 😉). Als Musiklehrer ergab sich diese Abwechslung berufsbedingt, als Rektor musste ich diese, unter anderem mit Unterstützung des oben erwähnten Kollegen, herstellen. Aktuell mache ich dies mit Musikunterricht, der Leitung einer Band und eines privaten Chores. Diese Tätigkeiten sind für meine Balance, für meine Gesundheit unverzichtbar.
Fazit
Es braucht bewältigbar wenig Aufwand, um den Alltag so zu gestalten, dass er einen physisch und psychisch gesund erhält.