Thema Gesundheit: Die Dynamik des Mobbings

Hinter Mobbing steckt ein verhängnisvolles Gruppenverhalten. Wenn aber jeder Verantwortung trägt und hinsteht, kann das überwunden werden.
Eines Tages, auf dem Rückweg von der Schule, wird Sabine schon nach wenigen Minuten von Tom, der eigentlich mal ihr Kumpel war, und seinen Freunden eingeholt. Sie werfen mit Sprüchen nur so um sich, stellen sich ihr in den Weg, lachen sie aus und ziehen sie an den Haaren. So geht das schon seit einiger Zeit, obwohl Sabine nicht so ganz klar ist, weshalb. Irgendwann fingen einfach alle an, sie zu hassen und zu mobben.

Aber was ist eigentlich Mobbing? Ist das nicht einfach nur Streit unter Schüler*innen? Also ganz normal?

Als Mobbing wird bezeichnet, wenn einzelne Personen gezielt von anderen aus der Gruppe ausgeschlossen werden, indem sie ignoriert und verspottet werden, und das über einen längeren Zeitraum hinweg. Das fühlt sich ziemlich Kacke an, man verliert sein Selbstwertgefühl, wenn man dauernd schlecht gemacht wird. Grob gesagt führt meistens eine Person (der oder die Täter*in) das Mobbing an, während weitere sich ihr anschliessen oder zuschauen (die Mitläufer*innen).

Wie entsteht Mobbing?

Das kann sehr unterschiedlich geschehen. Alles startet mit dem Täter oder der Täterin. Diese sind oft belastet und möchten das an jemandem auslassen. Toms Eltern streiten sich, deshalb ist er angespannt und gereizt. Er sucht sich Schuldige, sucht sich unbewusst eine Person aus, gegen die er etwas hat oder zu haben glaubt. Dabei werden oft Personen zu Opfern, von denen die Täter sich in ihrem Selbstwertgefühl oder ihrer Machtposition angegriffen fühlen, die als Bedrohung interpretiert werden. Oder Personen, die irgendwie anders sind, ob durch die Herkunft, Hautfarbe, Religion, Charakter oder Denkweise, so nach dem Motto: «Was ich nicht kenne, dem traue ich auch nicht.» Diese Eigenschaften, die die Opfer von anderen unterscheiden, werden dann hervorgehoben und entfremdet. Zu Opfern werden nicht Personen, die schwach sind oder komisch. Sie sind einfach anders als der Rest.

Andere Personen in der Gruppe schliessen sich nun meistens den Tätern an, um nicht selbst gemobbt zu werden, und weil die Täter oft stark erscheinen, weil sie sich durchsetzen können. Manche Mitläufer finden es auch einfach lustig, sich auf Kosten anderer zu amüsieren und sie zu demütigen.

Es ist aber zu einfach, den Tätern allein die Schuld zu geben. Oft können sie einfach nicht mit der eigenen Situation umgehen und suchen Verantwortliche für eigene Probleme. An ihnen lassen sie ihre Anspannung aus, versuchen, ihre eigene Unsicherheit mit «Stärke» zu maskieren, andere fertigzumachen, um allen und sich selbst zu zeigen, dass sie stark und sicher sind und keine Probleme haben.

Bisweilen werden auch ehemalige Mobbingopfer zu Täter*innen, da sie alles dafür tun, um endlich dazuzugehören, selbst wenn sie anderen das antun, worunter sie zuvor gelitten haben. Tom wurde zum Täter, weil er sozusagen von seiner Situation gemobbt wurde.

Was kann man gegen Mobbing tun?

Als Mitschüler*in kann man Mobbing am besten verhindern, indem man sich um andere kümmert und aufmerksam ist, falls es jemandem schlecht geht. Ist es dafür schon zu spät, hilft es dem Opfer, wenn man es unterstützt, verteidigt, nicht mit dem Mainstream mitzieht. Und Mobbing auf keinen Fall öffentlich gutheisst. Mobbing wird dann gutgeheissen, wenn es zur Norm wird. Wenn an einer Schule die Mehrheit denkt, dass man cool ist, wenn man über andere aggressiv und demütigend Macht ausübt, dann kommt es wohl eher zu Mobbing.

Mobbing funktioniert nur, wenn man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Die Täter*innen zielen auf eine Reaktion ab. Wenn diese ausbleibt, hört Mobbing auf. Aber dafür müssen natürlich alle mitmachen. Die Hemmung, etwas zu unternehmen, ist menschlich. Es braucht viel Mut, um sich gegen eine Gruppe aufzulehnen. Auch fühlt man sich nicht verantwortlich für andere – es schauen doch so viele zu, soll doch eine*r von denen was machen. Und am Schluss macht niemand was.


Man sollte sich in solchen Situationen immer fragen: «Unternimmt bereits jemand etwas? Wenn nicht ich, wer dann?» Kann man diese Frage nicht mit ja beantworten, sollte man handeln.

Fällt man selbst Mobbing zum Opfer, ist es erstmals wichtig, jemanden davon in Kenntnis zu setzen, am besten eine Autoritätsperson wie eine Lehrperson oder Eltern, jemanden, dem man vertraut. Das kann manchmal schwierig sein, wenn man zum Beispiel meint, man wäre selbst schuld, hätte etwas falsch gemacht. Oder man traut sich nicht, weil man meint, das würden andere als Anzeichen von Schwäche sehen und gegen einen verwenden. Trotzdem ist es wichtig, dass man nicht allein steht.

Gegen das Mobbing selbst hilft es, die Täter direkt zu konfrontieren, das Mobbing anzusprechen mit Fragen wie: «Warum bist du immer so gemein mit mir, was habe ich dir getan?» Der oder die Täter*in hat ja insgeheim eigentlich keinen triftigen Grund, und auch die Mitläufer*innen wissen das.

Warum wird man Mobbingopfer?

Angreifbar für Mobbing sind, wie bereits erwähnt, Personen, die sich, wodurch auch immer, von der Norm unterscheiden. Mobbingopfer sind starke Individuen, die nicht mit dem Mainstream mitgehen und sich nicht für ihre Verschiedenheit schämen, sich nicht verstecken. Es sind nicht einfach schwache Personen, die sich ausnutzen lassen.

Opfer meinen oft fälschlicherweise, Mobbing läge an ihnen, weil ihnen das von allen klargemacht wird. Sabine hat bald schon keine Freunde mehr, sie fühlt sich allein, niemand steht für sie ein, alle wenden sich von ihr ab, sie kann sagen, was sie will, doch niemand hört zu oder nimmt sie ernst. Auch ihr Selbstwertgefühl leidet unter all den Beleidigungen und dem Heruntermachen, und egal, wie sehr sie versucht, sich gegen die Demütigungen abzuschotten, sie nicht an sich rankommen zu lassen – verletzend wirken sie trotzdem.

Und Mobber*innen?

Oft hört man hinterher von Mobber*innen die Ausrede, es wäre alles nur Spass gewesen, sie hätten es nie böse gemeint. Doch eigentlich ist ihnen klar, dass sie etwas Falsches tun. Sind sie einfach gemein und finden es lustig, andere zu demütigen? Ganz so einfach ist es nicht. Mobber*innen stehen unter Druck, ob durch Eltern, Schule, wodurch auch immer. Sie suchen sich Verantwortliche dafür, oder wollen auch einfach nur ihren Frust und ihre Belastung an jemandem auslassen. Das ist jedoch nur eine mögliche Erklärung und keine Rechtfertigung für ihr Verhalten.

Toms Eltern streiten. Wenn Tom es zu Hause nicht mehr aushält, geht er Fussball spielen, doch er wird bald aus dem Team ausgeschlossen, weil er so aggressiv ist und nie den Ball abgibt. Als er am nächsten Tag traurig in die Schule kommt, reicht schon die kleinste Bemerkung, ja ein schiefer Blick, der in diesem Fall von Sabine kommt, um ihn wütend zu machen. Tom fängt an, Sabine dafür verantwortlich zu machen, dass es ihm nicht gut läuft. Eigentlich hasste er Sabine doch schon immer abgrundtief, wird ihm plötzlich bewusst. Sie ist so komisch, eine Lesbe, was zwar theoretisch toleriert, aber eigentlich insgeheim von allen abgelehnt wird. Tom steigert sich immer mehr in seine Wut über den Streit seiner Eltern, oder, wie er meint, über Sabine, hinein, und lässt sie an Sabine aus, anstatt, wie vorher, im Sport.

Und dann gibt es noch die Mitläufer*innen – der Rest der Gruppe, der sich der Mehrheit anschliesst, der den Täter*innen die Macht gibt, zu handeln. Würde niemand gutheissen, was die Täter*innen tun, dann hätten sie keine Rückendeckung, und es würde ein gleichwertiger Streit zwischen Täter*in und Opfer entstehen, nicht mehr als ein normaler Streit auf dem Pausenplatz.

Aber warum sollte man überhaupt Unrecht unterstützen? Mitläufer*innen stehen unter dem Druck, dazuzugehören, immer das zu sagen, was die Gruppe hören will. Selbst wenn sie eigentlich nicht toll finden, was ihr*e «Freund*in» da macht, reden sie sich ein, sie müssten es tun, etwa, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden. Oder sie meinen, Freundschaft verpflichte sie zu Loyalität. Sie werden an eine Rolle gefesselt – auch von sich selbst -, die dem entspricht, was die Täter*innen als ideal betrachten.

Was für Auswirkungen hat Mobbing?

Irgendwann ist das Mobbing vorbei. Aber was dann? Mobbing hinterlässt Spuren. Es ist nicht einfach vorbei, wenn es «vorbei» ist. Mobbing kann einen Grossteil des Lebens eines Mobbingopfers bestimmen, weshalb das Opfer vielleicht gar nie gelernt hat, zu spielen, sozial zu sein oder Freunde zu haben. So kann es auch in Zukunft für ein ehemaliges Mobbingopfer schwierig sein, Freunde zu finden, jemandem zu vertrauen, nicht alles persönlich zu nehmen. So rutscht die Person vielleicht wieder in die Rolle des Opfers hinein, weil sie sich so an das Dasein als Aussenseiter*in gewöhnt hat.

Aber Mobbing hat für alle Beteiligten Auswirkungen. Auch Mobber*innen und Mitläufer*innen werden negativ beeinflusst. Mobbing fühlt sich für Täter*innen vielleicht im Moment gut an, aber hinterher fühlen sie sich noch schlechter, weil klar ist, dass eigentlich falsch ist, was sie tun. Ausserdem verlieren sie an Empathie und Einfühlsvermögen, sie gewöhnen es sich ab. Mitläufer*innen fühlen sich schlecht, weil sie dulden, was getan wird, und ihr Selbstbewusstsein sinkt, für sie steht gar nicht mehr infrage, ein Verhalten zu hinterfragen.

Für ehemalige Opfer kann ein Neustart auf den ersten Blick erleichternd erscheinen, ist aber trotzdem nicht zu unterschätzen. Das Selbstbewusstsein, das bei Opfern ja so lange gelitten hat, muss nun wieder voll einsatzbereit sein, das soziales Verhalten wird auf die Probe gestellt, oder man rutscht sehr schnell wieder in die Opferrolle, an die man sich ja schon fast gewöhnt hat. Mobbing kann Traumata auslösen, die ein Leben lang anhalten. Erwachsene, die mal gemobbt wurden, sind zum Beispiel sechsmal anfälliger für psychische Krankheiten als andere. Es ist sicher gut, sich psychiatrische Hilfe zu holen, um mit dem Trauma umzugehen.

Ob man selbst gewaltbereiter wird, sich nicht mehr traut, etwas zu sagen. nichts hinterfragt, keine Freunde hat und total allein ist: Mobbing bringt niemandem was, am Schluss verlieren alle, als Einzelperson wie auch als Gemeinschaft. Deshalb ist es umso wichtiger, zu wissen, wie man mit Mobbing umgehen muss. Bestenfalls kann man dazu beitragen, es zu verhindern, doch dafür muss jeder Verantwortung übernehmen – für sich selbst und für andere.

Quellen:
- https://www.malteser.de/aware/hilfreich/mobbing-hilfe-fuer-betroffene.html
- https://www.schulpsychologie.at/gewaltpraevention/mobbing-an-schulen/mobbing
- https://www.enableme.ch/de/themen/mobbing-ursachen-folgen-und-pravention-10309
- https://www.aktion-mensch.de/mobbing/mobbing-verstehen
Previous Article

Sing Up!

Next Article

Thema Gesundheit: Was stresst uns Schüler*innen?