Es beginnt mit den ständig zufallenden Augen, der bleiernen Müdigkeit und dem sogenannten „Brainfog“, obwohl die Uhr erst 11 Uhr vormittags anzeigt. Plötzlich fängt der Kopf an zu hämmern. Wellen von Schmerzen überrollen die zahlreichen Gedankengänge im Gehirn. Ans Mittagessen denken führt nur zu einem flauen Gefühl im Bauch, als hätte man sich den Magen gerade erst mit Essen vollgestopft. Nur leider hat man seit Tagen fast nichts runtergebracht. Das bekannte «Pling» vom Handy kündet eine Benachrichtigung an – sie erinnert an die morgige Geografieprüfung. Die Wellen fühlen sich nun eher wie ein Tsunami an.
In der obigen Situation ist die Person organisch eigentlich gesund. Die Beeinträchtigung entsteht durch konstanten Stress im Gehirn, der sich durch sogenannte psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Herzrasen oder Schwindel äussert. Der Körper reagiert auf eine Überlastung des Geistes. Das Beispiel veranschaulicht, dass Psyche und Körper untrennbar miteinander verbunden sind.
Der Körper ist in Alarmbereitschaft
Symptome wie Herzrasen, Schwitzen, Zittern oder Schwindel sind eigentlich Folgen der Vorbereitung des Körpers auf eine potenzielle Gefahr. Bei einer Bedrohung gerät der Mensch instinktiv in eine Angst. Adrenalin gibt uns einen Energieschub, der uns beim allfälligen Wegrennen die nötige Kraft gibt. Bei Stress existiert jedoch normalerweise keine lebensgefährliche Situation. Daher wird die entstandene Energie nicht zum Rennen verwendet und äussert sich stattdessen in psychosomatischen Symptomen.
Bleibt solch ein Zustand über längere Zeit bestehen, beispielsweise durch andauernden Stress, können ernsthafte gesundheitliche Probleme entstehen. Typische Beispiele sind chronische Erschöpfung oder Spannungskopfschmerzen. Das zeigt, dass man psychische Belastungen wegen ihren Auswirkungen nicht unterschätzen und ernst nehmen sollte.
Vom Dämonenglauben zur kognitiven Dissonanz
Leider zeigt sich in unserer Gesellschaft häufig, dass die seelischen Leiden als eine Art Schwäche des Charakters dargestellt werden: psychische Krankheiten sind stigmatisiert. Da mentales Unwohlsein schon immer existiert hat, liegt der Ursprung des Stigmas schon weit zurück. Das Wort «Stigma» kommt aus dem Griechischen und bezeichnete ein körperliches Mal, welches jemanden als «anders» kennzeichnete. Bei psychischen Erkrankungen erkennt man jedoch keine solche äusserlichen Merkmale; das Stigma besteht hauptsächlich in unsichtbaren Attributen wie Stereotype und Vorurteilen. Schon in der Antike kannten Menschen mit psychischen Erkrankungen Diskriminierung. Oftmals wurden ihre Erkrankungen mit Besessenheit oder dämonischen Einflüssen in Verbindung gebracht. Bis hin zur frühen Neuzeit wurden oft grausame Methoden des Exorzismus verwendet, um die Menschen mit psychischen Krankheiten zu isolieren oder zu bestrafen. Dieser Aberglaube trug unter anderem dazu bei, dass die Stigmatisierung immer weiter verankert wurde und die Vorurteile noch immer bestehen bleiben.
«Sichtbare Krankheiten» betreffen in den meisten Fällen den Körper, wie es beispielsweise bei objektiv messbaren Leiden wie Knochenbrüchen oder Krebskrankheiten zu sehen ist. «Unsichtbare Krankheiten», wie zum Beispiel Depressionen, sind nicht durch Verbände oder Röntgenbilder zu erkennen. Das Ungewisse, Ungreifbare bei solchen Einschränkungen führt zu einer kognitiven Dissonanz: Da das Leid nicht optisch, sondern nur durch zwischenmenschliche Methoden festgestellt werden kann, wird die Existenz der Krankheit oft angezweifelt. Das führt zu einer Bagatellisierung und einer grundsätzlichen Ignoranz gegenüber «unsichtbaren» Krankheiten in der Gesellschaft.
Da psychisches Leid nicht optisch, sondern nur durch zwischenmenschliche Methoden festgestellt werden kann, wird die Existenz der Krankheit oft angezweifelt.
Sichtbarkeit ist noch keine Akzeptanz
Die Psychiatrie heute ist offensichtlich nicht mehr vom Aberglauben geprägt. Menschen sind sich mehrheitlich bewusst, dass jede Person von psychischen Erkrankungen betroffen sein kann. Durch vermehrte Offenheit und Öffentlichkeit zum Thema – zum Beispiel dank Social Media-Plattformen – wird mentale Gesundheit für viele zum regelmässigen Gesprächsthema im Alltag. Dadurch holen sich mehr betroffene Menschen zu einem früheren Zeitpunkt Hilfe. Luft nach oben gibt es dennoch: Laut Bundesamt für Statistik leiden rund zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung an mittelschweren bis schweren Depressionssymptomen. Depressionen sind eine Volkskrankheit. Und doch dünkt uns der statistische Wert schockierend hoch. Depressionen scheinen noch immer ein Tabuthema zu sein: Betroffene erleben Schamgefühle und spielen die Krankheit runter. Oft verzichtet man auf professionelle Hilfe. Mit der Psychiatrie möchte man lieber nichts zu tun haben.
Dabei spielen das sogenannte öffentliche und das Selbststigma eine Rolle. Die öffentliche Stigmatisierung äussert sich durch eine negative Einstellung der Allgemeinbevölkerung zum Krankheitsbild und kann zu Mobbing, Ausgrenzung oder Diskriminierung von Betroffenen führen. Hingegen basiert das Selbststigma auf der Internalisierung derselben negativen Einstellung, wodurch die Offenheit für die eigene Krankheit verloren geht. Das Zusammenspiel führt dazu, dass sich viele Menschen nicht trauen, über ihre Krankheit zu sprechen.
Schwerere Erkrankungen wie Schizophrenie oder Suchterkrankungen sind entsprechend stärker stigmatisiert. Schizophrene Menschen werden oft als «verrückt» dargestellt und Suchtbetroffene seien «selber schuld». Umso wichtiger also, auch offen über solche schweren psychischen Krankheiten zu sprechen. Das führt zu einem besseren Verständnis und einer gewissen Empathie, die man braucht, um Vorurteile beiseitezulegen.
Leid ist Leid
Ein Stressszenario ist nur eines von vielen Beispielen, wie der Körper mit dem Kopf zusammenhängt. So warnen uns psychosomatische Symptome etwa, wenn die Psyche eine Pause braucht. Dieser Zusammenhang ist eine grundlegende Beobachtung der Gleichwertigkeit von körperlichem und psychischem Unwohlsein. Es ist wichtig, dieses Verständnis zu fördern, um die Abwertung gegenüber psychischer Erkrankung, die durch viele Vorurteile entstanden ist, zu vermindern.