Thema Gesundheit: Hilfe holen ist ein Zeichen der Stärke

Die Psychologin Nadine Messerli leitet die Sprechstunde Kirchenfeld. Über die Herausforderungen bei der psychologischen Betreuung der Lernenden.

«Wenn Zuhause kein Ort ist, um über Probleme zu sprechen, kommen viele Jugendliche zu mir», erklärt Nadine Messerli, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie. Sie ist zusammen mit Corina Nyffeler im schulpsychologischen Team des Gymnasiums Kirchenfeld und zuständig für die Betreuung von Schüler*innen mit mentalen Problemen oder Herausforderungen.

Octoplus: «Wann ist es sinnvoll, Ihren Rat aufzusuchen oder sich Ihnen anzuvertrauen?«

Nadine Messerli: «Grundsätzlich ist es so, dass man immer zu uns kommen darf. Es gibt keine falschen oder unnötigen Kontaktaufnahmen. Wenn jemand annimmt, uns zu brauchen, dann tut diese Person das meistens auch. Ich kann nicht in allen Fällen grosse Veränderungen herbeiführen, aber wenn in der Familie nicht über Probleme oder Sorgen gesprochen werden kann, kann man sich an uns wenden. Wir klären in einem Erstgespräch die Wünsche und Anliegen. Falls eine Begleitung gewünscht ist, findet diese in der Folge bei uns statt oder wir leiten die Person an eine für das verdächtigte Krankheitsbild spezialisierte Stelle weiter.
Kurz gefasst: Hat jemand ein Problem, das ihn belastet oder im Alltag beeinträchtigt, sind wir da und hören zu.»

Wenn jemand annimmt, mich zu brauchen, dann tut diese Person das meistens auch.

Octoplus: «Mit welchen Anliegen werden Sie in Ihrem Beruf am häufigsten aufgesucht?«

Nadine Messerli: «Statistisch gesehen habe ich am meisten zu tun mit Jugendlichen, die familiäre Probleme haben. Anschliessend habe ich auch häufig Jugendliche, die eine depressive Entwicklung zeigen, die unter Motivationsproblemen leiden oder Panikattacken haben. Es gibt aber auch viele Fälle, in denen kein konkretes Krankheitsbild vorliegt, sondern Probleme in Beziehungen, Freundesgruppen und so weiter thematisiert werden.»

Octoplus: «Wie sieht Ihr Alltag als Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie aus und welche Aspekte an diesem Beruf schätzen Sie besonders?«

Nadine Messerli: «Mein Alltag ist extrem vielfältig. Im Kontakt mit diversen Klient*innen kriege ich Einblick in verschiedene Welten und Familien, die ich auf ihrem Weg unterstützen kann.  Es ist so, dass ich normalerweise eher mit jüngeren Jugendlichen oder Kindern arbeite, jedoch schätze ich es bei der Arbeit fürs Gymnasium sehr, wie kooperativ die älteren Jugendlichen sind und wie viele Ressourcen sie mitbringen.»

Octoplus: «Wie handhaben Sie die Informationen, die sie im Austausch mit den Jugendlichen erhalten? Dürfen Sie sich als Psychologin auch an die Eltern wenden?«

Nadine Messerli: «Grundsätzlich stehen wir als Psycholog*innen unter der ärztlichen Schweigepflicht. Das heisst, dass wir uns nur nach Absprache mit dem oder der Schüler*in mit den Eltern  oder Lehrpersonen austauschen. Die einzige Ausnahme ist natürlich, wenn eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt. Dann muss gehandelt werden.
Noch wichtig zu erwähnen finde ich, dass die Therapie bei uns für die Schüler*innen unentgeltlich ist und nicht wie sonst üblich über die Krankenkasse abgerechnet wird. Deswegen erfahren Eltern auch nicht unbedingt, wenn eine Begleitung stattfindet, da die Termine auf Wunsch auch während der Schulzeiten stattfinden können.»

Nadine Messerli und Corina Nyffeler von der Sprechstunde Kirchenfeld. (Foto: zvg)

Octoplus: «Gibt es konkrete Signale, die Personen mit Problemen senden, die auch für ihr Umfeld ersichtlich sein könnten? Dinge, auf die man in seinem Umfeld vielleicht einen genaueren Blick werfen sollte?«

Nadine Messerli: «Wenn eine Person plötzlich beginnt, ihre Grundbedürfnisse wie Schlaf, Essen oder soziale Interaktion zu vernachlässigen, sollte man das ernst nehmen. Es kann durchaus ein Zeichen sein, dass es ihr nicht gut geht oder dass sie sozial auch wenig  Ressourcen in der Familie oder dem Freundeskreis besitzt. Wenn man zum Beispiel als Freund*in oder auch als Lehrperson bemerkt, dass sich jemand übermässig zurückzieht oder drastisch beginnt, sich anders zu verhalten, ist es unbedingt sinnvoll, diese Person anzusprechen.
Aber dieses Ansprechen muss sensibel passieren. Am besten geht man mit einer ‘Ich-Botschaft’ in den Austausch und sagt zum Beispiel: ‘Ich habe beobachtet, dass…’ Man sollte in dieser Situation auch gut auf sich selbst Rücksicht nehmen, um festzustellen, wie sehr einen die Sache beschäftigt. Wenn es einem zu viel wird, sollte man die andere Person an eine Fachperson weiterleiten und sich versuchen abzugrenzen.»

Der Psychologin Nadine Messerli ist es ein Anliegen, die Leute zu ermutigen, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen und darüber zu sprechen. Hilfe holen ist niemals ein Zeichen von Schwäche und sie ist nie weiter als ein Anruf entfernt.

Wo man sich bei gesundheitlichen Fragen melden kann: 

Unter «myGymer Care» stehen Dir die Angebote von Coaching Kirchenfeld und Sprechstunde Kirchenfeld, wo Nadine Messerli tätig ist, zur Verfügung.

143 – Die Dargebotene Hand
Schweizer Helpline, die rund um die Uhr erreichbar ist per Telefon, SMS und E-Mail für Menschen in Krisensituationen und psychischen Ausnahmezuständen.

147 – Projuventute
Schweizer Helpline für Jugendliche, die rund um die Uhr erreichbar ist per Telefon, Chatnachrichten per WhatsApp und SMS. Hier kannst du dich auch melden, wenn keine akute Krise besteht und du über deine Sorgen oder Gedanken sprechen möchtest.

144 – Sanität
In Notfällen, etwa bei Suizidgefahr oder anderer Gefahr von Selbst- oder Fremdgefährdung, kann die Rettungsnummer 144 angerufen werden. Diese leitet alle weiteren notwendigen Schritte ein.

0848 800 858 – Pro Mente Sana Beratung

Die Stiftung Pro Mente Sana bietet telefonisch und per Email psychosoziale und juristische (insbes. auch arbeitsrechtliche) Beratung für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige an. Kostenlos und auf Wunsch anonym. Zudem bietet Pro Mente Sana ensa Erste-Hilfe-Kurse an. Die Kurse zielen auf die Vermittlung von Erste-Hilfe-Massnahmen bei akuten psychischen Krisen und sich entwickelnden psychischen Problemen.



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